Auf den Spuren von Wilhelm Tell…

Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht in der 8f

Wie kann man gerade in den letzten Wochen eines Schuljahres die Lesemotivation einer Klasse erhöhen? Wie kann man allen Begabungstypen gerecht werden, das Bildungsziel der Selbsttätigkeit unterstützen, individualisierenden Unterricht sowie intensive Lernprozesse ermöglichen und gleichzeitig die Textanalysekompetenz fördern?

Dass sich für das Erreichen dieser Ziele vor allem handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht eignet, durfte die Klasse 8f am Ende des Schuljahres im Deutschunterricht erfahren: Ergänzend zu den traditionell analytischen Verfahren im Umgang mit Texten wurde den Schülerinnen und Schülern in dieser Unterrichtseinheit auch praktisches Handeln sowie produktives Umsetzen, Ergänzen und Umgestalten von Texten in andere Medien abverlangt. So entstanden schließlich in Gruppenarbeit vier originelle Gesellschaftsspiele zu Schillers berühmtem Drama der Weimarer Klassik, zwei unterhaltsame Zeitschriften und eine Zusammenfassung in moderner Jugendsprache.

 Indem die Schülerinnen und Schüler produktiv und aktiv handelnd mit Schillers Drama umgingen, wurden ihnen ungewohnte Zugangs- und Ausdrucksmöglichkeiten geboten und sie erhielten dadurch die Möglichkeit, sich mit dem mehr als 200 Jahre alten Drama, das nicht nur inhaltlich, sondern aufgrund der verwendeten Blankverse auch in sprachlicher Hinsicht anspruchsvoll ist,  anzufreunden.

So wurde die gemeinsam erarbeitete Interpretation des Stückes zusammen mit den zeit-geschichtlichen Hintergründen des Werkes z.B. in dem von einer Schülergruppe entworfenen Quiz „Wer wird Millionär?“ abgefragt. Eine weitere Schülergruppe entwarf Fragen zum Personengefüge und zum Inhalt des Dramas für das Würfelspiel „Auf den Spuren von Wilhelm Tell“, bei dem man einem Rundgang durch die drei Schweizer Urkantone rund um den Vierwaldstätter See unternehmen kann.

Das von einer dritten Schülergruppe entworfene Spiel „(S)chiller’s Game“ verwandelt den Boden  des gesamten Klassenzimmers in eine große Spielfläche: Auf farbigen, laminierten DIN-A4-Papieren, die auf dem Boden ausgelegt werden und als Tabu-, Activity- oder Fragekarten fungieren, bewegen sich die Schülerinnen und Schüler als lebendige Spielfiguren fort, um Fragen rund um den Freiheitskampf der Schweizer Urkantone zu beantworten.

Unterwegs kann man auf einem Feld sogar einen „Apfelschuss“ (oder besser „Apfelwurf“) auf  einen Apfel aus Pappe riskieren!

Auch in dem dreidimensional angelegten „Willi-Tell-Abenteuer-Spiel“ kann man sich rund um den Vierwaldtstätter See auf Tells Spuren begeben und seine Dramenkenntnisse unter Beweis stellen.

Für die Zeitschrift „Uri-Report“ (16 Seiten Umfang) erarbeitete eine weitere Schülergruppe viele informative Hintergrundberichte zum Freiheitskampf der Schweizer Urkantone, außerdem originelle Meinungsseiten, ein Quiz, Bilder, Landkarten, Todesanzeigen, ein Interview mit Wilhelm Tell sowie einen als „Pärchencheck“ bezeichneten Selbsttest.

Die ebenfalls sehr unterhaltsame und informative Zeitschrift „InTell!“ (16 Seiten Umfang) beinhaltet u.a. auch eine Foto-Love-Story, den Selbsttest „Wie viel Tell steckt in dir?“ und die berühmtesten Zitate Tells, die auch in unserer Alltagssprache Spuren hinterlassen haben – wie z.B. die Sentenzen „Früh übt sich, was ein Meister werden will.“ (V. 1481) oder „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ (V. 437).

Alles in Allem eine gelungene Unterrichts-einheit, die nicht nur in besonderer Weise zum Textverständnis der Schülerinnen und Schülern beigetragen, sondern auch sehr schön gezeigt hat, wie viel Kreativität, Teamgeist und Begeisterungsfähigkeit in manchen Jugendlichen stecken kann – auch noch in den letzten Schulwochen und trotz einiger Vorbehalte gegenüber den sog. „uralten Klassikern“!

M. Bertele