Faszinierende Abirede von Leonard Bärmann

Stehenden Applaus erlangte Leonard Bärmann während seiner Abirede. ‚Das nenne ich einen Musterschüler‘ lobte ihn seine Deutschlehrerin Frau Strauß. Mit einem Abischnitt von 1,0 erlangte Leonard Bärmann das beste Ergebnis, das man sich beim Abitur wünschen kann. Und als Bester im Fach Deutsch gewann er den Scheffelpreis. Einige Bücher und eine 5-jährige Mitgliedschaft im Scheffelbund. So verlockend das auch klingt, es gibt auch eine schlechte Seite, denn nun muss man eine Rede halten. Zum Glück half ihm die Liste von Frau Strauß ‚Wie-halte-ich-eine-Abirede.‘

Damit auch Sie in den Genuss einer vorzüglichen Abirede kommen, hier die vollständige Rede von Leonard Bärmann:

„Habe nun, ach!, Physik, Geschichte und Biologie, Und leider auch
Deutsch, Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Doch da steh ich nun,
ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“
Sehr geehrter Herr Direktor Bangert, Liebes Lehrerkollegium, Liebe
Eltern, Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, Verehrte Gäste,
Mit diesem (zugegeben leicht abgeändertem) Zitat beginnt eine
Tragödie. Gemeint ist Goethes ‚Faust‘ – und diese Sätze treffen wohl
auch auf einige von uns Abiturienten zu, — insbesondere auf mich! So
hatte beispielsweise die Lektüre von Faust für mich bisher auch noch
keinen praktischen Nutzen, abgesehen davon, dass ich ein Zitat daraus
als Einstieg für meine Rede verwenden konnte.
Außerdem beschreibt kein anderer Ausspruch der Weltliteratur derart
passend meinen Gemütszustand von jenem schicksalsträchtigen Mai-
tag kurz vor den Pfingstferien. An diesem besagten Maitag nämlich
habe ich erfahren, dass ich heute den Scheffelpreis erhalte. Ich wurde
also ins Sekretariat gerufen (übrigens war das das erste mal überhaupt,
dass ich in meiner ereignislosen achtjährigen Windeck-Schullaufbahn
ins Sekretariat gerufen wurde), wo Herr Direktor Bangert und meine
Deutschlehrerin Frau Strauß schon auf mich warteten. Ehrfürchtig,
beinahe betroffen dreinschauend (ich bemerkte sofort, dass etwas nicht
stimmte, konnte aber noch nicht genau sagen, was dieses etwas war),
wie gesagt, ehrfürchtig, vielleicht sogar äußerst betroffen
dreinschauend, offenbarten mir dann beide, dass ich als Preisträger
ausgewählt worden war.
An dieser Stelle, weil es hier am besten in mein rhetorisches
Gesamtkonzept passt, möchte ich mich selbstverständlich für diese
Auszeichnung bedanken.
Meine anfängliche Freude wich jedoch sogleich, als die an diese Ehrung
verknüpfte Pflicht genannt wurde: Nämlich die heutige Rede zu halten
(daher also der betroffene Blick). Brav wie immer, nahm ich den Preis
natürlich dankend an, doch schon beim Verlassen des Sekretariats
überfiel mich die panische Gewissheit, dass meine bisher so problemlos
verlaufene Schullaufbahn auf eine finale Katastrophe zulaufen würde:
Sie erleben diese gerade live mit. Um den Super-GAU zu vermeiden,
wurden für mich bisher gar nicht existierende Fragen plötzlich essentiell:
Was erzählt man dem Publikum in einer solchen Rede? Wie hält man
eine solche überhaupt? Und vor allem – was zieht man dabei am besten
an?
Doch bevor ich mich solchen Äußerlichkeiten widmen konnte, musste
ich mich erst einmal auf die Suche nach nicht ganz unsinnigem
Redeinhalt begeben.
Wahrscheinlich geht es Ihnen gerade genau so wie es mir erging, und
Sie fragen sich, was genau der Scheffelpreis denn überhaupt ist. Als –
laut unserer Abizeitung – ausgewiesener Fachmann für Computer- und
Internetfragen war es mir natürlich ein leichtes, erste Antworten mithilfe
von überaus genialen Errungenschaften der Menschheit wie Google und
Wikipedia schnell zu erhalten. Zu den bekanntesten Preisträgern (vor
mir) gehört — Winfried Kretschmann. Benannt wurde die Auszeichnung
nach dem aus Karlsruhe stammenden Dichter Joseph Victor von
Scheffel. Aus dem Deutschunterricht kannte ich den guten Herrn noch
nicht, die einzige logische Schlussfolgerung musste also lauten, dass er
genau in der einen Stunde behandelt worden sein muss, in der ich
fehlte. Immerhin klang der Name, vermutlich abgeleitet vom
althochdeutschen Verb ’scheffeln‘, schon einmal vielversprechend.

Doch ganz abgesehen davon, dass in diesem Wikipedia-Artikel nichts
von einem Preisgeld stand, stellte er mich auch insofern nicht zufrieden,
als er bei Weitem nicht genug Inhalt für eine ganze Rede bot.
Was also nun? Wenn schon eine solch geniale Erfindung wie das
Internet mir nicht mehr weiterhelfen konnte, dann half nur noch ein Blick
auf die Wie-halte-ich-eine-Abirede-Checkliste von Frau Strauß.

  • Bekanntes Zitat aus der Weltliteratur (Empfehlung: Faust)
  • Sinn der Pflichtlektüren bezogen auf das wahre Leben (am besten auf euren Jahrgang)
  • Wichtig: Roter Faden mit Kreisstruktur!!!
  • Begrüßung nicht vergessen!
  • Auch ein ernsthafter Teil mit Botschaft fürs Leben darf nicht fehlen
  • Last but not least: Bitte nicht zu viel Ironie (Ja klar, ich doch nicht)

Völlig frustriert von dieser Sisyphos-Aufgabe bepackte ich dann meinen
Koffer für den anstehenden Pfingsturlaub mit kiloschweren Ordnern und
zerfledderten, immerhin noch nicht ganz entsorgten Pflichtlektüren. Gott
sei Dank konnte ich das Flugzeug-Gepäcklimit von 20 kg gerade noch
einhalten, allerdings mussten meine kleinen Brüder deshalb leider auf
Ersatzsocken verzichten.
Im Hotel angekommen, wühlte ich in meinem umfangreichen Portfolio
an Aufsätzen und Aufgabenstellungen. Mit dem Inhalt der Pflichtlektüren
musste ich mich nämlich erst einmal wieder vertraut machen, hatte ich
sie doch im Abitur bewusst nicht gewählt. Zum Einstieg nahm ich
folgende triviale und leicht verständliche Übung mit zum Pool:
„Interpretieren Sie vorliegende Textstelle aus dem Roman ‚Homo faber‘.
Beziehen Sie die sprachliche und erzähltechnische Gestaltung mit ein.
Untersuchen Sie im Anschluss in einer vergleichenden Betrachtung,
inwiefern Walter Faber, Danton und der Ich-Erzähler aus Agnes in
Übereinstimmung mit sich selbst handeln und ob es allen drei
Protagonisten gelingt, sich aus den ihnen selbst auferlegten
Rollenbildern durch Überwindung ihres angeborenen
Kommunikationsproblems zu befreien oder ob sie in partieller
Anerkennung ihrer Schuld es doch noch schaffen, mittels Abkehr von
Fiktion und Wirklichkeitsüberblendung sich ihrer wahren Identität
anzunähern und damit ein völliges Scheitern zu verhindern.“ – Welch
überaus wohlklingende und zum Bearbeiten der Aufgabe animierende
Formulierung!
Wie Sie sich sicherlich denken können, ist das Verfassen eines solchen
Aufsatzes selbstverständlich höchst ergiebig und erkenntnisfördernd.
Die geforderte Verknüpfung von Inhalt und Sprache trägt ihren Teil zur
Verbesserung der Abstraktionsfähigkeit und Kombinationsgabe der
Schüler bei. Auch verbessert sich nachgewiesenermaßen das abstrakte
Denkvermögen, sodass komplexe mathematische Probleme in der
vierten Dimension leichter gelöst werden können. Vor allem für die
überwältigende Majorität derer unter uns, die einen Beruf im
Literaturkritikerbusiness ergreifen wollen, ist eine solche
Aufgabenstellung eine ideale Steilvorlage zur Förderung der
rhetorischen Gewandtheit der Aufsatzschreibenden.
So viel zunächst einmal zu diesen Deutsch-Unterlagen, von denen ich
vorher nie gedacht hätte, dass sie mir einmal noch etwas nützen, und
über die ich mich jetzt – hier am Pool liegend – umso mehr freute, da
allein das Vorlesen der Interpretationsaufgabe von Frau Strauß die
Rede bereits zu einem beträchtlichen Teil füllte.
Die Sinnhaftigkeit der Pflichtlektüren indes blieb mir weiterhin
verschlossen. Klar, Wir sinnierten, diskutierten und reflektierten
wochenlang über Themen wie „Beziehungsprobleme“, „Schuld“ oder
„Tod“, kamen dabei durchaus zu höheren Erkenntnissen und bildeten
uns ein, etwas fürs Leben gelernt zu haben. Ein Irrtum! Denn leider hat
uns gerade das reale Leben gelehrt, was uns selbst das beste fiktive
Werk nicht hätte vermitteln können: So war unser Weg in zwei Jahren
Abiturvorbereitung mit einem sehr harten Schicksalsschlag verbunden.
Doch gerade in dieser schweren Zeit bewies unser Jahrgang seinen
besonderen Zusammenhalt und seine soziale Kompetenz. Gemeinsam
haben wir diese schwere Zeit überstanden, unterstützt von
einfühlsamen Lehrerinnen und Lehrern und Ihnen, Herr Direktor
Bangert. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle im Namen des
gesamten Jahrgangs bei Ihnen ausdrücklich bedanken. Ich denke,
jeden hat die Verarbeitung von Janas tragischem Tod auf seine Weise
geprägt. Mir selbst etwa ist bewusst geworden, wie schnell alles vorbei
sein kann. Man sollte sein Leben heute genießen und etwaige Träume
und Wünsche nicht immer auf die Zukunft verschieben.
Wie viele Lehrerinnen und Lehrer immer wieder betonten, ist unser
Jahrgang aber nicht nur was das soziale, sondern auch was die
schulischen Leistungen angeht, überdurchschnittlich. Was nun jeder aus
diesen guten Voraussetzungen macht, wird sich zeigen. Wie uns das
Leben bereits gezeigt hat, hat man zwar vieles, aber nicht alles in der
Hand, und so kann man die Frage, was nach dem Abi kommt, auch
nicht sicher beantworten. Um das Ganze an einem Beispiel darzulegen:
Mein eigener Lebensweg ist, wenn man den Ergebnissen der Umfrage
für unsere Abizeitung glauben darf, bereits vorgezeichnet: Zuerst werde
ich Millionär, dann erhalte ich einen Nobelpreis und dann — ziehe ich
von zu Hause aus.
Da aber niemand wirklich in die Zukunft sehen kann, könnte es auch
ganz anders kommen: Ich werde nicht Millionär, erhalte keinen
Nobelpreis und — ziehe nie von zu Hause aus. Wie euch das dann auf
einem Jahrgangstreffen in 10 Jahren erkläre, darüber will ich mir heute
noch nicht den Kopf zerbrechen.
Vor allem fehlt mir dafür in der jetzigen Situation auch die Zeit:
Inzwischen längst aus dem Urlaub zurückgekehrt, war meine Rede
bedauerlicherweise immer noch unvollständig. Ein skeptischer Blick auf
die Checkliste zeigte: Es fehlte ja noch der rote Faden! Der Status
verblieb bis gestern Nacht um halb vier auf Alarmstufe rot, doch dann
kam die rettende, furchtbar banale und zugleich geniale Idee: Ich würde
meine Rede einfach darüber halten, wie ich mir genau diese Rede
ausdenke. Im Sinne der allseits-beliebten Kreisstruktur einer Rede will
ich es natürlich nicht vermeiden, meine Ausführungen mit einem
weiteren Zitat aus den Sphären der Weltliteratur zu beenden. Es stammt
nicht von Goethe – und auch nicht von Schiller, sondern die Autoren
sitzen alle direkt vor mir:
Abi heute, Captain Morgan – Endlich RUM!
Und damit bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche allen
Mitschülern eine gute Zukunft nach dem Abi und allen Gästen einen
weiterhin schönen Abend!