Windeck-Schüler unterwegs als Gesandte der Stadt Bühl

Fanny Rosenthal. Louis Weil. Alfred Weil – alles vergessene Mitbürger Bühls, die am 25. Oktober 1940 mit nur 20 Kilogramm Gepäck zum Bühler Bahnhof verschleppt, in einen „Sonderzug“ verladen und auf eine 950 Kilometer lange Reise in den Südwesten Frankreichs geschickt worden sind. Ihre Endstation? Ein kleines Dorf in der Nähe der Pyrenäen: Gurs. 

Seit dem Ende des Spanischen Bürgerkrieges im April 1939 flohen tausende republikanische spanische Soldaten über die Pyrenäen und suchten ein neues Zuhause in Frankreich. Die damalige französische Regierung ließ daraufhin die „Inhaftierungslager“ errichten, eines davon in Gurs. Die circa 28 Hektar große Lagerfläche besaß 13 sogenannte Îlôts (dt. Inseln), die jeweils voneinander mit Stacheldraht und Graben getrennt wurden. Jedes Îlôt besaß zwischen 25 und 35 Baracken, die nach dem Prinzip der französischen Baracken des Ersten Weltkrieges errichtet worden sind. Sie waren lediglich lange, hölzerne Hütten ohne Isolierung oder Fenster, die eigentlich nur zum kurzen Aufenthalt gedacht worden waren. Der Boden in Gurs ist sehr tonig, und durch die vielen Menschen in diesen Lagern sowie den starken Regen wurden die Gehwege zu Sümpfen. Es gab kein fließendes Wasser und wenig Nahrung, da alles per Lkw ins Lager gebracht werden musste.

Das Lager Gurs war am Ende 1940 weitgehend entleert, bis am 25. Oktober 1940 die Gauleiter Badens sowie der Saarpfalz, Robert Wagner und Josef Bürckel, ohne vorherige Warnung der Regierung in Vichy  6.538 jüdische Bürger dorthin schickten. Per Zug und Lastwagen gelangten sie nach Gurs, wo viele an den schlechten Lebensbedingungen starben. 1276 Gedenksteine stehen in Gurs, darunter sechs für Bühler Bürger. Viele weitere Menschen wurden 1943 per Lastwagen und Zug nach Auschwitz gefahren, wo die meisten umgebracht wurden.

Gurs geriet nach dem Ende des Krieges bis 1957 in Vergessenheit, bis die badische Volkszeitung den Verfall des größten Deportiertenfriedhofs deutscher Juden kritisierte. Der damalige Oberbürgermeister von Karlsruhe, Günther Klotz, reiste mit Vertretern der Stadtverwaltung und des Oberrates der Israeliten von Baden nach Südfrankreich, um die Grabstädte zu besichtigen. Daraufhin organisierten die Städte und Gemeinden Karlsruhe, Mannheim, Freiburg, Heidelberg und Pforzheim die Neugestaltung der Gedenkstätte, die im Jahr 1963 feierlich eröffnet wurde. Außerdem wird ein jährlicher Unterhaltsbeitrag an die Gemeinde Gurs bezahlt, wozu auch Bühl seit 2015 einen Beitrag leistet. Jedes Jahr fliegen Abgeordnete der Städte und Gemeinden aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland für zwei Tage nach Gurs, um die Gedenkstätte zu besichtigen. Jede Stadt nimmt in der Regel auch zwei Jugendliche mit, damit auch die Nachfolgende Generation sich an Gurs erinnert.

Von der Reise nach Gurs handelt dieser Bericht. Als Jugendliche der 12. Klasse des Windeck-Gymnasiums durften wir, Lukas Brot und Samuel Neale, dieses Jahr als Vertreter der Stadt Bühl nach Gurs fliegen und hatten dort die Möglichkeit, diesen Ort selbst zu sehen. Wir konnten mit einem Zeitzeugen, Hans Flor, sprechen und durften die Lagerstätte besichtigen. Es wurde uns allen bewusst, wie sehr die damaligen Juden zu leiden hatten. Die ganze Gesandtschaft einigte sich darauf, dass diese Geschichte nicht vergessen werden darf und dass wir alle unser bestes Geben werden, um als Botschafter diese Geschichte zu verbreiten.

Denn Hans Flors Antwort auf unsere Frage, was er sich denn von uns Jugendliche wünschen würde, fasst es besser zusammen als tausend andere Wörter:

„Was ich mir von euch wünsche? Ich wünsche von euch, dass ihr die Demokratie stärkt, dass ihr immer offen seid und dass ihr keine Vorurteile habt. Jeder Mensch hat das Recht auf ein glückliches und zufriedenes Leben.“