Gedenken an das Pogrom vom 9.November 1938

Genau 80 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen des Novemberpogroms, bei dem deutschlandweit jüdische Geschäfte zerstört, Synagogen in Brand gesetzt und jüdische Menschen angegriffen, verletzt und erfordert wurden, fand in Bühl in Gedenken an die Opfer dieser unmenschlichen Aktionen statt. Nachdem der Bürgermeister der Stadt Bühl, Hubert Schnurr in einer Rede die Wichtigkeit eines gemeinsamen Gedenkens hervorhob, trugen Schülerinnen und Schüler des Windeck-Gymnasiums in einer bewegenden Rede die Ereignisse rund um den Bühler Synagogenbrand vor. Diese findet sich an dieser Stelle zum Nachlesen. 

2015
Chor: Enzkreis, Rems-Murr-Kreis, Main-Tauber-Kreis, Landkreis Lörrach, Bodenseekreis, Ostalbkreis

Vor 80 Jahren im November

Der Volkszorn gibt ein Schauspiel,
die Reichspogromnacht in Bühl

Es war schon sehr kalt gegen Mitternacht. Am Tag, am 9. November 1938, hatte die Temperatur zwischen 7 und 11 Grad geschwankt.
Ob in der Gartenstraße, in der Wohnung des Kreisleiters der NSDAP in Bühl, oder ob in der Eisenbahnstraße, in den Amtsräumen der Kreisleitung – Anschluss Nr. 748 – das Telefon klingelte, ist nicht mehr festzustellen.
Auch in Achern wurde jemand an den Apparat gerufen, der Führer des SA-Sturmes 13/111. Als er hörte, um was es ging, zog er vor, krank im Bett zu liegen.

Verlangt wurde, wie an vielen Orten in Deutschland, ,,spontaner Volkszorn“ der bewaffneten Mitglieder der Nazi-Partei gegen jüdische Mitbürger.

Die Befehle waren immer eindeutiger geworden: Gewalt gegen Juden, ihre Geschäfte, Wohnungen und Synagogen.

Am selben Tag waren bereits von anderen Städten Ausschreitungen gemeldet worden.

Friedrich Gißler aus Bühl konnte sich gut darüber informieren, denn er trug jeden Wochentag den ,,Führer“, die Parteizeitung für den ,,Gau Baden“, aus. Vorsorglich hatte er bei Dunkelheit, an einer Tankstelle im nördlichen Teil der Hauptstraße einen Kanister mit fünf Litern Benzin besorgt.

Er kann sich aus mit Sachbeschädigung, Zerstörung von Gräbern sowie bei Diebstahl in einem Gotteshaus – und für einen Teil dieser Taten war er bereits verurteilt worden.

Seit 1909 lebte er in Bühl. Eigentlich wollte er Bildhauer werden, hatte dann aber Elektriker gelernt. Seit 1933 bezahlte ihn die NSDAP als Austräger und Berichterstatter des ,,Führers“.

Gißler wusste, mit wem zusammen er die Aktion unternehmen konnte.
Da war ein weiterer ,,alter Kämpfer“, Hans Ringwald,1901 geboren.
Er hatte nach dem Abitur eine Banklehre gemacht, war seit.1932 SA-Mann, und „Kreiskassenleiter“ der NSDAP in Bühl.

Auch Eduard Philipp Jacob Börner hatte, nach der Mittleren Reife in einer Bank und in verschiedenen Tätigkeiten gearbeitet. Immer wieder war er arbeitslos gewesen.Wie viele andere in dieser Zeit konnte er sich als ein Opfer wirtschaftlicher Krisen und gesellschaftlicher Probleme sehen. Seit 1925 war er in der NSDAP und der SA. Er war neu in Bühl und hier als „Kreisamtsleiter“ der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt als „Fürsorgereferent“ tätig.

Wer machte sich also jetzt an die Arbeit?
Eine ziemlich kriminelle Existenz und zwei, die vielleicht überzeugte Nazis waren, vor allem aber von der Partei finanziell abhängig waren.
Keiner von ihnen war in Bühl geboren. Innerlich waren sie wahrscheinlich bereit zum Losschlagen, doch von sich aus wäre wohl keiner aktiv geworden.
Im Vergleich zu anderen Städten begannen sie sehr spät: Erst als sie in der Chefetage der Kreisleitung genügend instruiert worden waren, begannen sie, das zu mobilisieren,
was später in den Medien des NS-Staates als ,,spontaner Volkszorn“ verkauft wurde.

2016
Chor: Bodenseekreis, Landkreis Ravensburg, Landkreis Esslingen, Landkreis Heilbronn, Rems-Murr-Kreis, Landkreis Lörrach, Hohenlohekreis

 


Kurz nach 8 Uhr am Morgen wurden sie gesehen, wie sie sich, von der Kreisleitung kommend, zusammen mit einer Anzahl anderer Bühler vor dem Schuhhaus Lion in der Schwanenstraße zu schaffen machen. Da es bereits am Tage zuvor kleinere Aktionen gegen Juden und ihre Geschäfte

gegeben hatte, waren hier vorsorglich die Rollladen an den Schaufenstern heruntergelassen.
Rollläden und Fenster sind schnell eingeschlagen; als der Zug weitergeht, ist der Eingang des Geschäftes demoliert, drinnen die Regale umgestürzt. Schuhe liegen zerstreut herum, auch auf der Straße.

Am Johannesplatz stehen die Türflügel der Synagoge bereits offen.
Im Innern sind rasch die Bänke umgeworfen, und auf der Empore befinden sich schon andere. Börner klimpert auf dem Harmonium. Als Gißler, Ringwald und Börner wieder nach unten gegangen sind, wird das Harmonium

über die holzverkleidete Brüstung gewuchtet und stürzt krachend nach unten. Später klagt einer der drei, sie seien fast selbst getroffen worden. Schnell wird noch ein weiterer Befehl ausgeführt: In der benachbarten Wohnung des Kantors Bruchsaler suchen sie nach belastenden Schriftstücken. Nach knapp zehn Minuten geht es wieder zurück zur Kreisleitung.

Dort wird gemeldet, dass sich immer mehr Menschen auf dem Johannesplatz und den anderen Straßen in seiner Umgebung zusammenrotten, vor allem an der Hauptstraße und in der Grabenstraße. So kehren auch sie zurück zur Synagoge, vermutlich mit neuen Befehlen ausgestattet.

Inzwischen brennt im Synagogenhof ein Feuer: ein Teil des Inventars der Synagoge. Schon liegen Teile der Torarollen versengt zwischen Zwetschgenbäumen in den Gärten der Nachbarschaft.

Gißler, Ringwald und Börner gehen nochmals die Synagoge, in der noch immer andere herumstehen.

Anfangs wird nicht bemerkt, dass Gißler unten links an der Altarseite ein Feuer gelegt hat. Rauch steigt auf; noch sind keine Flammen zu sehen, doch alle stürzen hinaus. Jemand will den Teppich im Mittelgang retten. Da braust Ringwald auf: Wem passe das nicht, wer habe etwas dagegen?

Der Zug geht erneut die Schwanenstraße vor, zur Kreisleitung der NSDAP.

Eine Menge Leute steht auf dem ehemaligen Synagogenplatz in einiger Entfernung vom brennenden Gebäude. Inzwischen sind die Fensterscheiben der Synagoge geborsten.
Gißlers Frau Sophie wirft kurze, brennende Fackeln in die Fenster an der Nordseite der Synagoge. Von der Volksschule in der Hauptstraße sind eine Menge Schüler, mit oder ohne Erlaubnis der Lehrer, gekommen. Eine ganze Gruppe von Obersekundanern aus dem Realgymnasium am Stadtgarten eilt unter der Leitung ihres Turnlehrers im Laufschritt heran. Einige der Zuschauer sind entsetzt und sagen, dass sich das alles rächen werde. Andere – vor allem die bekannten Anhänger und Mitglieder

der NSDAP – johlen, als Gißler sich beim Verlassen der Synagoge triumphierend zeigt.

Die Feuerwehr schützt das anliegende Gebäude, unternimmt aber nichts zur Rettung der Synagoge.
Plötzlich ein Zwischenfall:
Die Flammen drohen auf das angrenzende kleine Lebensmittelgeschäft überzugreifen. Die Inhaberin stürzt mit der Ladenkasse in der Hand die niedrigen Treppenstufen hinunter. Sie stolpert. Das Münzgeld klirrt auf den Pflastersteinen, einige Viertklässler lesen es auf und geben es zurück. Als sie nach der großen Pause in die Schule zurückkommen, werden sie belohnt. Allerdings nicht für ihre Ehrlichkeit, sondern dafür, dass sie sich das wichtige Ereignis des Synagogenbrandes angeschaut haben.


Noch am Nachmittag schwelt es aus den Trümmern. Immer wieder treffen Neugierige ein.
Kreisleiter Rothacker in brauner Uniform macht zufrieden Stimmung für eine abendliche Kundgebung am Ehrenmal für die Gefallenen in der Eisenbahnstraße. Was an Einrichtungsgegenständen der Synagoge nicht verschwunden oder verbrannt ist, wird zum Abtransport gerichtet.
In der Schwanenstraße toben sich Jugendliche an den Häusern jüdischer Mitbürger aus.
Manche Mütter, so wird berichtet, weinen zu Hause.

Noch am nächsten Tag muss für Ruhe gesorgt werden. Wohl deshalb machen die Klassen des Realgymnasiums Ausflüge. Die Fünftklässler müssen in Religion erst ein Gebet aufsagen. Dann geht es auf einen geologisch-biologischen Lehrausflug. Die Klasse 7 macht eine „Biologische Wanderung“.

2017
Chor: Landkreis Karlsruhe, Bodenseekreis

1947 begann die juristische Bewältigung des Synagogenbrandes in Bühl.
Gißler, Ringwald und Börner bestritten, die Synagoge angezündet zu haben.
Sie hätten auch nichts zerstört und nichts geplündert. Nur aus Neugierde hätten sie einige Gegenstände in der Hand gehalten und betrachtet. Börner wollte sogar schon 1938 gegen die Übergriffe gewesen sein.
Das Gericht bedauerte, dass es aus den Zeugenaussagen keine zuverlässigen Angaben über die Anteile der einzelnen Angeklagten am Verbrechen entnehmen konnte.

Wegen schweren Hausfriedensbruches,
wegen einfachen Landfriedensbruches,
wegen Diebstahls und Verrichtung beschimpfenden Unfugs in einem Gotteshaus,
wegen Verfolgung aus rassischen Gründen

und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit
wurden die überführten Täter letztlich verurteilt.

Ringwald und Börner erhielten Strafmilderung, weil sie nicht vorbestraft waren und die Tat inzwischen bedauerten.
Als straferschwerend wurde aber angesehen,
dass alle drei Angeklagten als bekannte Funktionäre der NSDAP den Bühler Straßenpöbel noch aufgewiegelt hätten.
Der Richter sagte, sie hätten dem deutschen Volk schwersten Schaden zugefügt.
Gißler wurde zu fünf Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt,
Ringwald zu einer Gefängnisstrafe von zehn Monaten,
Börner zu acht Monaten.


Der Bericht des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg konstatiert im November 2018:

Zusammengefasst lässt sich im Hinblick auf
Brandanschläge auf Asylunterkünfte nachfolgendes feststellen:

 

Straftaten gegen Asylunterkünfte im
Phänomenbereich „Politisch motivierte Kriminalität rechts“:

2015: 63 Straftaten, hiervon 6 Branddelikte

2016: 69 Straftaten, hiervon 7 Branddelikte

2017: 31 Straftaten, hiervon 2 Branddelikte


Für 2018 liegen noch keine abschließenden Zahlen vor.

 

Reichspogromnacht 2018, Foto Bernhard Margull

Reichspogromnacht 2018, Foto Bernhard Margull